Schluss mit der Beschaulichkeit – Atomkraft jetzt abschalten!

Seit eineinhalb Jahren wohne ich nun schon im Saarland. Auch wenn hier die Energiepolitik bisher auf Kohle basiert, so schlummert die Gefahr eines ähnlichen Vorfalls wie in Japan auf französischer Seite in Form des Atomkraftwerkes in Cattenom unweit der Grenze. Hatte man sich damit bisher abgefunden und daran gewöhnt, so ist seit den Ereignissen in Japan ein anderes Bewusstsein bei den Menschen festzustellen.

Nahmen an den von Greenpeace organisierten Montagsdemonstrationen nur eine Handvoll Menschen teil, so nahm die Menschenschlange letzten Montag kein Ende. Es halte ein Schlachtruf durch die Stadt, der mir durch Mark und Bein ging: „Abschalten“ – mir kamen Tränen in die Augen. Zum einen aus Wut, dass es mal wieder eines schlimmen Vorfalls benötigte, um ein Umdenken zu bewirken, zum einen, weil meine Gedanken an die Menschen in Japan kreisten. Zum anderen aber auch, weil es nun endlich Schluss mit der sich an die Gefahr gewohnten Beschaulichkeit zu sein scheint. Die Menschen lassen sich nicht mehr vergackeiern. Sie glauben den Politikern nicht mehr die Mär einer sicheren Atompolitik. Die Demonstrationen dürfen kein einmaliges Erlebnis bleiben, wo man sich sein Gewissen erleichtern kann. Es muss zu einer Bewegung aufsteigen, bis das Ziel des Atomausstiegs geschafft ist. Lasst uns auch nächsten Montag wieder auf die Straße gehen und verkünden, dass die Zeit des Atomzeitalters zu Ende geht.

Wem das noch nicht reicht, kann aktiv dazu beitragen: mit einem Wechsel zu einem Ökostromanbieter. Dabei ist nur auf ein Gütesiegel wie “OK Power” oder “Grüne Strom Label” zu achten. Der Wechsel selber ist ganz einfach und wird vom neuen Anbieter übernommen.

Die Atomkraftwerke müssen nicht nur in Deutschland abgeschaltet werden. Zwischen 1986 und 1991 gingen die vier Reaktoren in Cattenom ans Netz. In den vergangenen Jahren registrierte das Umweltministerium in Saarbrücken etwa 750 Störfälle. Würde sich ähnliches wie in Japan ereignen, so wären sowohl die Menschen in Frankreich, als auch die Menschen in Luxemburg, im Saarland und in Rheinland-Pfalz betroffen. Es ist Zeit europäisch zu denken. Im Mai findet der nächste deutsch-französische Gipfel statt. Frau Merkel, starten Sie bitte den Beginn, Europa auch in diesem Punkte zu vereinigen.

Atomkraft abschaffen – Ihr könnt mitmachen!

Die Ereignisse in Japan überstürzen sich. Wir stehen kurz vor dem nächsten Super-Gau, den Mensch und Umwelt verkraften müssen. Trotz Zusage von Frau Merkel, die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke um drei Monate auszusetzen, muss rigoroser gehandelt werden. Warum können auf einmal doch sieben Atomkraftwerke einfach so abgeschaltet werden? Weil Deutschland überproduziert und selbst durch diese Abschaltung immer noch genügend Strom zur Versorgungssicherheit hat. Warum müssen die vor einem halben Jahr angeblich so sicheren Atomkraftwerke auf einmal doch aus Sicherheitsgründen überprüft werden? Atomkraft muss abgeschafft werden.

Alternativen dazu sind zu Genüge vorhanden. Die Studie des Umweltbundesamtes „Energieziel 2050: 100% aus erneuerbaren Quellen“ besagt es (Artikel: “2050: 100 % erneuerbare Energien möglich”). Atomkraft hat momentan einen Anteil von etwa 22 Prozent an der Stromproduktion. Allein durch Energieeinsparung und Effizienzsteigerung können bis zu 20 Prozent ausgeglichen werden. Und durch den zusätzlichen Ausbau der erneuerbaren Energien könne laut Experten die Atomkraft sukzessive bis zum Jahr 2015 auslaufen.

Die Gruppe Compact, die sich für Demokratie in Aktion einsetzt, hat dazu einen Protestbrief an die Bundeskanzlerin aufgesetzt. Sobald 100.000 Menschen den Appell unterzeichnet haben, soll er in bundesweiten Tageszeitungen veröffentlicht werden. Bitte mitmachen, es geht uns alle an!

Wann lernen wir?

Ich weiß noch genau wie ich mich geärgert habe, als wir damals nicht ins Freie durften, um Ball zu spielen. Damals war uns Kindern nicht bewusst, was diese “Wolke” bedeutet, die auf uns zukommt und was für eine gefährliche “Fracht” sie mitsichbringt. Damals im Jahre 1986. Tschernobyl wurde zum tragischen Sinnbild der darauf folgenden Anti-Atomkraft-Bewegung.

Heute sitze ich ein Viertel-Jahrhundert später heulend vor dem Fernseher und sehe die Bilder des am Rande des Supergaus stehenden Atomkraftwerkes in Fukushima, Japan. Keiner weiß genau, ob die Kernschmelze bereits eingesetzt hat oder nicht. Eine Kernschmelze hat auch die Explosion des AKWs in Tschernobyl ausgelöst und zur bis dahin größten Atomkatastrophe geführt. Auch in einem weiteren AKW in Tokai hat das Kühlsystem ausgesetzt.

Wer denkt, dass das uns nichts angehe, da Japan ja soweit weg ist, liegt falsch. Wer erinnert sich noch, als im Jahre 1987 das Atomkraftwerk in Biblis innerhalb von 15 Stunden am seidenen Faden hing, ob ein Supergau passiert oder nicht. Die Bevölkerung wurde nicht ausreichend informiert und danach alles heruntergespielt – es ist ja nichts passiert.

Vor Kurzem hat die Regierung unter der Führung von Frau Merkel einer Laufzeitverlängerung aller deutschen Atomkraftwerke zugestimmt und hat den Energieriesen damit einen Riesengefallen getan, da bereits abgeschriebene AKWs quasi Gelddruckmaschinen sind. Damit erhalten die AKWs eine Lebensdauer von über 60 Jahren mit einer Technologie, die ursprünglich nur auf 40 Jahre ausgelegt war. Wir berichteten bereits im Artikel “Wie sicher sind unsere Atomkraftwerke?”, dass kein deutsches Atomkraftwerk den heutigen Anforderungen von Neubauten entspricht. Wie ZDF.Umwelt recherchierte, ist der Anteil an Störfällen im Jahr bereits auf etwa 12 Prozent gestiegen. Ein Wert, der einem Angst und Bange machen müsste. Ist es auch hier nur eine Frage der Zeit, bis etwas Schlimmes passiert?

Wie viel Unglücke müssen geschehen, dass die Menschheit endlich aus gemachten Fehlern lernt und ein Umdenken stattfindet? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Weltweit sind etwa 400 weitere AKWs geplant oder bereits in Bau. Ich bete zu Gott, dass der Supergau in Japan verhindert und somit sehr viel Leid vermieden werden kann. Und ich bete, dass die Menschheit dies als Zeichen sieht, nach Alternativen zu suchen.

Was kann ich tun? Die einzelnen Gruppen von Greenpeace veranstalten in mehreren Städten regelmäßig Montagsdemonstrationen gegen Atomkraft. Schaut mal hier nach Greenpeace-Gruppen. Vielleicht ist auch in Eurer Nähe eine Aktion geplant, an der Ihr teilnehmen könnt. Des Weiteren könnt Ihr einen Protestbrief an die Deutsche Bahn AG schreiben, deren Züge zu 25 Prozent mit Atomstrom betrieben werden.

Pro und contra der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken – Diskutier mit!

Die Regierung einigte sich auf längere Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke. Die Kritiker sehen darin einen „Kniefall vor den Stromkonzernen“. Was aber sind eigentlich die Argumente für oder gegen die Atomenergie? Wir haben hier einmal kurz die wichtigsten Argumente der Befürworter und der Kritiker zusammengetragen. Aber vor allem interessiert uns Eure Meinung zu diesem aktuellen Thema.

Pro
1. Atomkraft als Klimaschützer
Bernd Arts, Sprecher des deutschen Atomforums, meint, dass in Deutschland durch die Kernenergie jährlich etwa 150 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden.

2. Rückgrat der deutschen Stromversorgung
Etwa 50 Prozent der Grundlast werden in Deutschland durch Atomenergie gedeckt. Werden die Atomkraftwerke ausgeschaltet, müsse man den Strom aus dem Ausland importieren, so Arts.

3. Atomkraftwerke sind sicher
Seit Tschernobyl im Jahre 1986 gab es keinen vergleichbaren Unfall mehr.

4. Keine Alternative zu Atomkraft
Erneuerbare Energien sind unzuverlässig in der Versorgungssicherheit, da nicht immer der Wind weht oder die Sonne scheint.

5. Sonderzahlungen der Kraftwerksbetreiber
Aufgrund des neuen Energiekonzeptes zahlen die Kraftwerksbetreiber in einen Fonds Sonderzahlungen aus ihren Gewinnen, die Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz und Investitionen in erneuerbare Energien zugutekommen.

Contra
1. Sicherheit der Atomkraftwerke
Wir berichteten bereits in dem Artikel „Wie sicher sind unsere Kernkraftwerke?“ vom 1.10.2010, dass es in Deutschland keine Kernkraftwerke gibt, die den heutigen Anforderungen für Neubauten entsprechen. Keine Versicherung versichert ein Atomkraftwerk vollständig, da die Folgeschäden eines Unfalls unvorstellbar hoch wären.

2. Begrenzte Uranvorkommen
Laut einer Studie der Energy Watch Group Uranium Report reicht das Uranvorkommen bei einer Nachfrage wie im Jahr 2006 nur noch für 30 Jahre.

3. Ungelöstes Problem der Atommüllentsorgung
Die Hälfte des hochgefährlichen Stoffes Plutonium-239 ist nach Angaben von Greenpeace erst nach einem Zeitraum von rund 24.000 Jahren zerfallen (so genannte Halbwertszeit). Wenige Millionstel Gramm reichen aus, um Krebs zu erzeugen – ein Risiko für unzählige Generationen nach uns. Salz ist wenig für ein Endlager geeignet, wie das abgesoffene ehemalige Salzbergwerk in Asse beweißt. Die von der Wissenschaft empfohlenen süddeutschen Ton- oder Granitformationen werden von der Regierung abgelehnt.

4. Milliardenverluste für die Stadtwerke
Die Stadtwerke investierten aufgrund der alten Gesetzeslage in neue dezentrale Kraftwerke, deren Auslastung durch die Verlängerung der Atomkraftwerke nun sinken wird. Der Vorsitzende der Stadtwerkevereinigung 8KU, Albert Filbert, sagte in der Tagesschau, dass dies die städtischen Versorger mit 4,5 Milliarden Euro belasten würde.

5. Teurer Atomstrom
Geht man von der reinen Produktion aus, ist Atomstrom tatsächlich günstig. Allerdings sind die Steuerentlastungen und die Investitionen aus öffentlichen Mitteln nicht mit einberechnet. Auch nicht mit einberechnet sind der Rückbau von den Atomkraftwerken und die Endlagerung des Atommülls, welche von den Steuerzahlern zu zahlen sind. Würden all diese Realkosten inklusive den Versicherungskosten mit einberechnet werden, wäre Atomstrom unbezahlbar.

6. Kein passender Mix zu erneuerbaren Energien
100 Prozent versorgungssichere Stromerzeugung durch erneuerbare Energien sind möglich – wir berichteten im Artikel „2050 – 100% erneuerbare Energien möglich“ vom 29.7.2010. Laut BMU deckten 2009 erneuerbare Energien etwa 16 Prozent, Atomkraftwerke etwa 23 Prozent vom Strombedarf ab. Da Atomkraftwerke rund um die Uhr gefahren werden müssen, verstopfen sie die Netze und verhindern somit den Ausbau des Energiemixes aus Wind, Wasser, Biomasse und Solar.

7. Stärkung der zentralistischen Energiewirtschaft
E.ON, Vattenfall, RWE und EnBW teilen sich etwa 80 Prozent des deutschen Strommarktes. Alle Atomkraftwerke werden von diesen vier Energiekonzernen betrieben. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Konzerne für eine Laufzeitverlängerung plädieren – machen sie doch laut Greenpeace pro abgeschriebenes Atomkraftwerk etwa eine Million Euro Gewinn pro Tag.

Unserer Meinung nach kann man nicht gleichzeitig an einer zentralistischen Energiegewinnung durch Atomkraftwerke festhalten und den Ausbau der erneuerbaren Energien propagieren. Eine Umstellung auf erneuerbare Energien erfordert eine dezentrale und vernetzte Energiebereitstellung, so wie sie momentan in Deutschland nicht vorhanden ist.

Was ist Eure Meinung? Eher pro oder eher contra einer Laufzeitverlängerung? Und wenn, was sind Eure Argumente? Einfach kurz kommentieren.