Zeiten verändern Kapstadt

Der erste Moment, die Sonne Kapstadts auf der Haut und den Wind des Atlantiks um die Nase herum zu spüren und den Boden zu berühren ist etwas Besonderes. Doch diesmal ist es irgendwie anders. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Hat sich etwas verändert? Was hat sich geändert?

Ist es der erste Eindruck, dass die Schere zwischen Reich und Arm noch weiter auseinander zu klaffen droht? Ich habe 2010 boykottiert, zur Weltmeisterschaft zu gehen. Die Tatsache, dass um die Stadien herum, einheimische Händler vertrieben wurden, und nur FIFA-lizenzierte Händler Geschäfte machen durften, hat mich wütend gemacht. Sogar ganze Viertel wurden umgesiedelt, um den Touristen eine heile Welt vorzugaukeln. Mein Lieblingsflohmarkt ist weg – einfach nicht mehr da. Und damit ein fröhliches, buntes Treiben. Und die unvorstellbar teuren Stadien stehen unausgelastet da.

In den reichen Vierteln tummeln sich noch mehr schöne Menschen, noch mehr teure Autos, noch mehr Konsum. Wie mir durch Gespräche mitgeteilt wurde, herrscht erhöhte Sicherheit und weniger Kriminalität. Was man merkt und was auch gut ist, aber für welchen Preis? Aufpolierte Touristenviertel, um die wahren Probleme zu verbergen. Und wie sieht es mit den Problemen in den Townships aus? Kapstadt – oder vielmehr ganz Südafrika – hat viele Probleme zu bewältigen. Einige möchte ich hier mal beispielhaft anbringen.

– Südafrika scheint immer weniger Geld für die Ärmsten der Armen zu haben. Wurden allen Bewerbern aus den Townships 1996 noch versprochen, bis Ende 2012 ein festes Haus von der Regierung gebaut zu bekommen, so wird dieses Ziel wohl bei Weitem verfehlt werden.
– Südafrika braucht viel Energie für die wachsende Wirtschaft. Leider gehen die Pläne der Regierung in Richtung Bau neuer Atomkraftwerke statt auf erneuerbare Energien zu setzen.
– Die Einführung eines nationalen Gesundheitsversicherungssystems wird noch weitere 14 Jahre dauern.
– Lehrer müssen besser ausgebildet und bezahlt werden, damit auch verstärkt jüngere, gut ausgebildete Lehrer in den Dienst einsteigen.
– Es gibt Anzeichen, dass der National Council of Provinces einem Gesetz zustimmen wird, das aus der Apartheitzeit stammen könnte. Das „Protection of State Information Bill“ erlaubt dem Staat, Staatsgeheimnisse zu schützen und der Öffentlichkeit fern zu halten. Dies würde eine Einschränkung der Öffentlichkeitsrechte auf Informationszugang, Medienfreiheit und Transparenz bedeuten. Meinungen gehen soweit, dass befürchtet wird, Südafrika könne das zweite Simbabwe werden. Ein Zustand, der nicht im Sinne von Madiba’s Vorstellungen eines neuen Südafrikas war.
– Es gibt jeden Tag bis zu 1.500 Asylsuchende (gerade aus dem Horn Afrikas oder Simbabwe), die sich in den Townships niederlassen. Zudem herrscht Gewalt zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen. Steigende Bevölkerungszahlen bedeuten zusätzlichen Druck auf Beschäftigungszahlen, Bildung und die Bereitstellung von ausreichenden Nahrungsmitteln.
– Offizielle Zahlen sprechen von einer Arbeitslosenquote von 25%. Inoffiziell geht man davon aus, dass die Quote zwischen 40 und 45% liegt.

Es gibt aber zum Glück auch positive Geschichten – und von einer möchte ich kurz berichten. Die Geschichte des 18-jährigen Mbu Maloni, der von seinen Eltern keine Liebe erhielt, ein heimatloses Straßenkind wurde und somit unweigerlich zu Drogen und Alkohol griff, um die Schmerzen zu betäuben. Im Juli 2010 hat er den Weg zu „Homes for Kids in South Africa (Hokisa)“ gewagt, wo er zum ersten Mal die Unterstützung eines Mentors und der Erwachsenen erhielt. Ein paar Monate später ist sein bester Freund Atie ermordet worden, was sein Leben komplett veränderte. In all seiner Brutalität und Ehrlichkeit hat er seine Geschichte und die von Atie in einem Buch verfasst, um den Tausenden Kindern, die immer noch auf den Straßen leben, eine Stimme zu geben. Und mehr noch, er hofft dadurch erreichen zu können, dass andere Jugendliche Alkohol und Drogen nicht als Lösung ansehen. Seiner Meinung nach, ist Bildung die bessere Lösung, um der Armut zu entfliehen. Ein Statement, dass man nur unterstützen kann.

Große Herzen alleine reichen nicht

Endlich habe ich es geschafft, „Life Community Welfare“ vor Ort zu besuchen. Jene Organisation, die sich für Kinder in den Townships von Kapstadt einsetzt. Die Zentrale befindet sich in Elsies River. Zusammen mit den beiden Organisatorinnen Nomsa und Elisabeth haben wir über die Erfolge, aber auch über ernüchternde Ereignisse gesprochen.

Erfolgreich waren auf jeden Fall die Anfang Dezember organisierten „Christmas Parties“. Das obige Bild zeigt eine Gruppe Kinder mit den Betreuern, nach der Geschenkeverteilung durch Nikolaus. Seit Jahren werden die „Christmas-Parties“ in verschiedenen Townships organisiert. Und dabei geht es nicht nur darum, die Kinder zu unterhalten, sondern „sie zu motivieren, bessere Menschen in ihrer Zukunft zu werden“, so Nomsa Mninzi. Folgender Zeitungsausschnitt aus den Vulkani-News zeigt eine Gruppe von Kindern und deren Betreuern mit den Geschenken.

Jedoch wird es immer schwieriger, Spendengelder einzuholen. Der Vertrag mit einem größeren lokalen Industriekonzern ist ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Und auch die regionale Regierung von Western Cape senkt seit einiger Zeit die Fördermittel für wohltätige Organisatoren; und „auch in Zukunft werden die Mittel wohl noch weiter gekürzt“, so Mninzi. Gelder, die eigentlich dringend benötigt werden, um permanente Mitarbeiter einzustellen. Aktuell können tolle Programme wie Fußball für Straßenkinder oder PC-Schulungen leider nicht durchgeführt werden, weil die Lehrer bzw. Trainer nicht bezahlt werden können.

Trotz allen Widrigkeiten, die dem Team entgegenstehen, war es beeindruckend zu sehen, dass alle mit Leidenschaft bei der Sache sind und immer alles für das Wohl der Kinder geben. So findet etwa die Suppenküche für Schüler aus der Umgebung, die sonst keine warme Mahlzeit erhalten würden, täglich statt. Oder die ständige Aufklärung von Lehrern und Schülern in Sachen HIV/Aids in den Schulen vor Ort.

Das Team in Elsies River besteht aus ehrenamtlichen Frauen mit großem Herzen, die ihre Kraft ohne ein Cent zu erhalten jeden Tag von morgens bis abends für die Kinder der Townships von Kapstadt einsetzen.

Mit gemischten Gefühlen endete der Besuch. Einerseits bedrückend, dass so viel mehr getan werden könnte, wenn das nötige Geld dafür aufgetrieben werden kann. Andererseits hoffnungsvoll, dass es Menschen gibt, deren Engagement nicht genügend gewürdigt werden kann.

Love Mzantsi fo sho!

„Act2gether“ in Südafrika

Heute möchte ich über ein Projekt in eigener Sache berichten, warum folgendes Projekt angegangen werden sollte, was zu tun ist und wer die Begünstigten sein werden.

Vor etwa acht Jahren absolvierte ich ein Praktikum zusammen mit meiner damaligen Freundin in Kapstadt. Ich arbeitete an Umweltprojekten und sie in einer Organisation namens „Boys Town“ (heute bekannt unter „Girls & Boys Town“). Die Geschichten der Kinder von der Straße haben mich zum einen sehr bewegt: Kinder, die nur Gewalt in der Familie kennen, keine soziale Liebe erfahren, Niemandem ihr Vertrauen schenken und teilweise lieber auf der Straße leben, weil sie sich da geborgen fühlen. Zum anderen hatte ich aber auch ein gutes Gefühl, dass es lokale Organisationen gibt, die sich um die teils traumatisierten Kinder kümmern, ihnen Übernachtungsmöglichkeiten, schulische Bildung und psychologische Betreuung geben. All dies verursacht natürlich laufende Kosten, die zum größten Teil durch Spenden gedeckt werden.

Ich arbeitete anschließend in einer größeren Organisation im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und sah, dass nicht alles Geld immer da ankommt, wo es wirklich gebraucht wird. Meiner Meinung nach, ist es wichtig, gerade kleinere lokale Organisationen zu unterstützen, da sie den direkten Draht zu den Kindern haben und wissen, was wo gebraucht wird. Leider werden sie in der Öffentlichkeit nicht so wahr genommen. Erneut in Kapstadt traf ich vor etwa vier Jahren Monika Galla, die sich seitdem für lokale Organisationen in Kapstadt engagierte. Wir werden unser Engagement mit weiteren Mitstreitern aus den USA, den Niederlanden, Südafrika und Deutschland zusammen bringen und ab dem 24.11. ein gemeinsames Projekt starten.

Dazu werden Spendengelder gesammelt, um dieses dann persönlich nach Kapstadt zu bringen. Somit kommt das Geld zu hundert Prozent dort an, wo es gebraucht wird. Es können jedem Spender von der begünstigten Organisation Quittungen ausgestellt werden. Das Geld soll aber nicht in Scheinen übergeben werden. Es werden vor Ort Südafrikanische Produkte gekauft, die nachhaltig benötigt werden: etwa Schulbücher, Fußbälle, Trikots oder Küchenutensilien. Es werden nur Produkte gekauft, die benötigt werden, da wir im ständigen Austausch mit den lokalen Organisationen stehen. Und es wird gleichzeitig die regionale Wirtschaft begünstigt, da nur vor Ort produzierte Güter gekauft werden.

Die begünstigte Organisation ist in diesem Fall Life Community Welfare (LCW). LCW ist eine 1991 gegründete Non-Profit-Organisation und engagiert sich um soziale Projekte für Kinder in den Townships Kayelitsha und Elsies River von Kapstadt. Kayelitsha ist das zweitgrößte und das am schnellsten wachsende Township in Südafrika. Der Name Kayelitsha bedeutet „Neues Zuhause“ auf Xhosa. Es wurde 1983 während der Apartheid errichtet. Der Fokus von LCW liegt in den Gebieten „Makhaza” und “Site B“, die beide mit den Problemen in Form von Kriminalität, Gewalt, Drogen, Alkohol und Unterernährung zu kämpfen haben. In Elsies River hat man mit einer besonders hohen Rate an Arbeitslosigkeit, Tuberkulose und Drogenabhängigkeit zu Methamphetaminen zu kämpfen.

Ziel von LCW ist eine saubere und sichere Umwelt, in der die in Armut geborenen Kindern lernen, spielen und aufwachsen können, um später selber etwa zu Erziehern zu werden. Einige Projekte, die mit den Spendengeldern unterstützt werden, sollen hier einmal kurz erwähnt werden:

Computer-Kurse: Kindern werden PC-Fertigkeiten beigebracht, um sie auf das Berufsleben vorzubereiten.
Suppenküche und Essensvergabe: In den eigens errichteten Suppenküchen werden Kindern täglich warme und nahrhafte Mahlzeiten serviert.

Verkauf von Handwerksgegenständen: Jugendliche können nach der Schule handwerkliche Gegenstände selber basteln und anschließend an Touristen verkaufen. Das erwirtschaftete Geld kommt wieder neuen Materialien oder anderen Projekten der Organisation zugute.
Fußball: hier werden Jugendliche motiviert, sich in einer Gruppe zu engagieren und bleiben gleichzeitig den Gangs und somit Drogen, Alkohol und Gewalt fern.

Gesangschor: Kinder werden innerhalb des Chores ermutigt, ihre Liebe zur Musik weiter zu entwickeln. Auftritte in der Gemeinde runden das Programm ab.
Jährliche Weihnachtsfeier: Seit 2002 wird dieses Event jedes Jahr für Kinder, die in Armut leben und Gewalt erfahren haben, veranstaltet. Einen ganzen Tag lang wird Weihnachten mit Unterhaltung, Geschenken und Essen gefeiert. Dieses Jahr sollen 3000 Kinder beschenkt werden – so viele wie noch nie. Ziel ist es, den Kindern einen Tag ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten und ein wenig Selbstwertgefühl zu geben. Aktuell wurden Spenden für die diesjährigen Weihnachtsfeiern gesammelt. Die erste Feier findet am 08.12. in Elsies River statt, dann am 11.12. in Kayelitsha, am 18.12. in Langa und die letzte am 25.12. im Eastern Cape. Das Fundraising Team und die Mitglieder von LCW bedanken sich ganz herzlich bei allen Spendern!

Am 20.11. war internationaler Tag der Kinderrechte. Allen Helfern ist gemein, dass ihnen das Wohl der Kinder sehr am Herzen liegt. Wer bei dieser Aktion aktiv mitmachen möchte, ist herzlich willkommen und meldet sich am besten direkt bei mir.