Gewinne um jeden Preis

20140808_110717_kleiner Neulich saβen wir seit langem mit der ganzen Familie zusammen und schauten auf dem Sender “Arte” eine Dokumentation ϋber die skrupellosen Geschäfte von Nestlé und seinem Produkt “Pure Life” mit dem Gut Wasser. Auf die Frage der Kinder “Was bedeutet Skrupel?” lautete unsere Antwort: “Wer Geschäfte macht, nur um Gewinn zu erzielen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben und, ohne Rϋcksicht auf die Natur und den Menschen vor Ort zu nehmen, der hat keine Skrupel.” Reicht diese Antwort aus? Schaut man sich – nicht nur die aktuelle – Geschichte der Menschheit an, stellt man sich unweigerlich die Frage, ob der Mensch je Skrupel besessen hat? Ich möchte dem etwas näher auf den Grund gehen.

Die Fuβball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist erst vor kurzem zu Ende gegangen. Trotz allen negativen Folgen – sinnlos verbauter Milliarden an Steuergeldern etwa in Stadien im Niemandsland – wurde die Welt wieder auf längst vergessene oder verdrängte Probleme aufmerksam gemacht. Im Internet kursierten messerscharf gestochene Luftbildaufnahmen der Zerstörung des Regenwaldes, dass einem vor Wut, aber auch vor Bewusstlosigkeit die Tränen in die Augen schossen. Das Ausmaβ der Zerstörung scheint noch gröβer zu sein, als man es sich je vorzustellen traute. Und fϋr was? Fϋr den Rohstoffhunger des Westens, fϋr die Produktion von Palmöl, Rindfleisch oder “schicker” Möbel. Ist dies alles wirklich den Preis wert?

Der Regenwald in Brasilien ist das bekannteste Beispiel. Wie sieht es aber in Regionen aus, die es nicht in die Berichterstattung moderner Medien schaffen? Von einer Region möchte ich berichten. Mosambik wurde zuletzt aufgrund seines Missmanagements seiner Umwelt als das am zweitletzten entwickelte Land der Erde eingestuft. Die britische “Environmental Investigation Agency” (EIA) deckte in ihren 2013 erschienenen Studien “First Class Crisis” und “First Class Connections” auf, dass 93 Prozent aller Baumrohdungen im Jahre 2013 auf Mosambik illegal waren.

Die allermeisten Exporte davon gingen laut den Studien auf das Konto von China. China benötigt die Rohhölzer hauptsächlich fϋr seine holzverarbeitende Industrie. Die seltenen Hölzer erster Qualität – zum Beispiel die Arten Pau Ferro, Mondzo, Chanate, Jambire oder Umbila – werden fϋr Möbel oder Böden der wachsenden chinesischen Mittelschicht benötigt. Die gewaltige chinesische Nachfrage an Hölzern bedroht den Bestand an Mosambiks Wäldern und treibt das Erntevolumen ϋber jegliches Nachhaltigkeitslevel.

Die armen ländlichen Gemeinden sind diejenigen, die am meisten leiden. Durch den illegalen Handel gingen dem Staat seit 2007 146 Millionen US-Dollar an Steuereinnahmen verloren. Geld, das gut in Projekte fϋr ländliche Regionen angelegt hätte werden können.

Seit 1999 begrenzt das “Forest and Wildlife Law” eigentlich den Export von Hölzern und setzt den illegalen Handel unter Strafe. Leider ist die Korruption in Mosambik sehr hoch, weshalb auch die beste Gesetzgebung immer wieder ausgehebelt wird.

Die EIA fordert deshalb einen sofortigen Stopp aller Holzexporte bis eine nachhaltige Forstwirtschaft sichergestellt werden kann. Dafϋr sind verschiedenste Maβnahmen von unterschiedlichen Akteuren notwendig. Die mosambikanische Regierung sollte zum Beispiel eine jährlich erlaubte Menge an Rohdungen festelegen, eine unabhängige Begutachtung der Korruption vorantreiben, die Wald-Kriminalität eher als Kriminaldelikt denn als Zivildelikt auffassen und die zivile Gesellschaft in Angelegenheiten des Waldsektors beteiligen. Die chinesische Regierung sollte den Import illegaler Hölzer verbieten und die chinesischen Unternehmen, die dagegen verstoβen, bestrafen. Und letztendlich sollten die internationalen Geldgeber darauf achten, dass die Hilfe davon abhängt, ob eine nachhaltige Waldwirtschaft in Mosambik wiederhergestellt wird.

Leider ist es wahrscheinlich so, dass bei vielen Menschen in Geldangelegenheiten – gerade wenn es ums Überleben geht – die Grenze zur Skrupellosigkeit flieβend ist. Es mϋssen Anreize geschaffen werden, die dem Menschen wieder bewusst werden lässt, was fϋr einen Schatz Mutter Natur ihm bietet, wenn er sorgsam mit ihm umgeht.

MT200800_kleiner Die Machenschaften der Chinesen in Mosambik werden durch zwei mir bekannte Brϋder bestätigt. Und zwar nicht nur im Wald-, sondern auch im Fischsektor. Um an die Lizenzen fϋr den Holzeinschlag und das Fischen zu gelangen, bauten die Chinesen eine Straβe quer durch Mosambik. Dann statteten sie die einheimische Bevölkerung mit erstklassigem Angelwerkzeug aus. Die Brϋder beobachteten sehr häufig wie die Einheimischen im Busch Haifischflossen fϋr die Chinesen trockneten. Die Flossen werden am lebenden Tier einfach abgeschnitten. Das Tier selber ist dann so gut wie bewegungsunfähig, sinkt zu Boden und verendet. Die IUCN stufte Haie auf die “Rote Liste gefährdeter Arten” ein. Millionen von Haien werden jährlich getötet. Und fϋr was diese grausame Tierquälerei? Nur um als Haifischflossensuppe auf chinesischen Hochzeiten zu landen.

Die Brϋder reagierten auf ihrem Land sofort. Sie ϋberlegten, an was es im Land am meisten mangelt: Bildung. Sie bauten gemeinsam mit den Einheimischen eine Schule und werden in Zukunft fϋr den Verdienst einer Lehrerin aufkommen. Im Gegenzug versprachen die Einheimischen in einer Ratssitzung, nicht mehr fϋr die Chinesen das Meer leer zu fischen.

Der Bestand an Fischen und Haien erholt sich zumindest in dieser Region langsam wieder. Somit können sich die Menschen wieder selbst versorgen und darϋber hinaus durch den Verkauf der Fische auf dem Markt vom Reichtum der Natur partizipieren. Die Kinder gehen seit kurzem unter einem Dach statt im Freien zur Schule und lernen, dass Nachhaltigkeit viel mehr bringt, als kurzfristiger Gewinn um jeden Preis. Ein fairer “Deal” wie ich finde.